Warum sich Hunde im Shelter manchmal anders zeigen als im neuen Zuhause

Merri, ein ruhiger Junghund aus einem Shelter in Griechenland – offen gegenüber Menschen, freundlich gegenüber anderen Hunden. Er kommt schwanzwedelnd an die Tür seines Zwingers, um Besucher zu begrüßen. Ein Tierschutzhund mit scheinbar gutem Potenzial zum Familienhund. Er kommt nach Deutschland, seine Adoptanten freuen sich auf ihr neues Familienmitglied, auf die ersten Gassirunden am See, wie er im Garten flitzen und auf der Couch kuscheln wird.

Und dann kommt Merri nach seiner Ankunft nicht aus der Box. Er schleicht mit eingezogener Rute durch die Wohnung, erschreckt sich vor jedem leisen Geräusch und flüchtet vor dem Mann und dem Kind der Familie immer wieder in die Box zurück. An Gassigehen ist nicht zu denken – und damit kommen die Gedanken: Hat uns die Organisation belogen? War er auch schon so im Shelter? Warum ist er so anders als auf den Videos?

Solche Fälle gibt es häufiger. Hunde, die sich im Shelter ganz anders verhalten als im neuen Zuhause oder ihrer Pflegestelle. Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick auf ihr bisheriges Lebensumfeld werfen.

Shelter vs. Pflegestelle – ein riesiger Unterschied

Für einen Pflegehund oder frisch adoptierten Hund aus Rumänien oder Griechenland prallen beim Ankommen in Deutschland zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander.

Im Shelter herrscht konstant hohe Lautstärke, der eigene Stress und der Stress der vielen anderen Hunde sind allgegenwärtig. Manche Hunde finden unter diesen Bedingungen kaum ausreichend Schlaf und befinden sich fast den gesamten Tag in einem zu hohen Erregungsniveau. Andere wiederum sind durch die Anwesenheit so vieler Hunde stark gehemmt: sie ziehen sich zurück, aber entspannt sind sie dabei nicht.

Das steht im krassen Gegensatz zu einem typischen Haushalt in Deutschland. Hier lebt der Tierschutzhund meist als Einzelhund, der Lautstärkepegel ist deutlich niedriger und der Cortisolspiegel sinkt. Viele Hunde schlafen sich das erste Mal richtig aus und können sich nach einigen Tagen in der vertrauten Umgebung freier und entspannter bewegen. Für diese Hunde geht die Eingewöhnung im neuen Zuhause relativ unkompliziert vonstatten.

Aber warum gibt es dann auch die anderen Fälle? Schauen wir uns die typischen Faktoren an.

Warum die Eingewöhnung manchmal schwieriger ist

Vom einen Tag auf den anderen ändert sich für einen ehemaligen Straßenhund das gesamte Lebensumfeld. Alles Bekannte ist plötzlich weg – ersetzt durch ein Haus mit Dach, mehrere fremde Menschen, andere Gerüche und andere Geräusche. Manche Hunde brauchen länger, um sich an diese Veränderungen zu gewöhnen, und möchten erst einige Tage alles beobachten, bevor sie Vertrauen fassen.

Viele Geräusche sind für unsere Schützlinge völlig neu: die Mülltonne, die über die Straße rollt, der Motor, der draußen aufheult, Türen, die zugeschlagen werden, oder der Wasserkocher, der laut zischt. Wenn der Hund in den ersten Tagen noch nervös und müde von der Anreise ist, können ihn solche Dinge viel stärker erschrecken als in seiner vertrauten Shelter-Umgebung.

Vielleicht kennst du das von dir selbst: Alleine in einer fremden Stadt unterwegs zu sein macht einen vorsichtiger, aufmerksamer und schreckhafter als in der eigenen Heimatstadt. Genauso geht es auch Hunden in ihrer neuen Umgebung. Sie müssen erst lernen, dass sie sich sicher fühlen können – dass der Wasserkocher keine Gefahr bedeutet und dass sie sich auf ihre Menschen verlassen können. Mit positiven Erfahrungen, ausreichend Schlaf und dem Erleben von Sicherheit legt sich diese Schreckhaftigkeit häufig schnell.

Ein weiterer Faktor ist das Leben in geschlossenen vier Wänden. Gerade für ältere Straßenhunde, die nie ein Haus von innen gesehen haben, ist das eine gewaltige Umstellung. Geräusche von draußen klingen gedämpft, es riecht anders, der Himmel ist nicht zu sehen und der Boden fühlt sich ungewohnt an. Mit geduldiger, langsamer Gewöhnung kommen die meisten Hunde aber auch damit gut zurecht.

Zuletzt spielt der Tagesrhythmus eine große Rolle. Im Shelter hatte der Hund kaum Anforderungen. Er entschied selbst, wann er wo liegt und wann er sich löst. Selten werden die Hunde
im Shelter Gassi geführt, so wie es in Deutschland täglich mehrmals der Fall ist. Ausnahmen sind,
wenn Voluntäre vor Ort sind, die den Hunden etwas Abwechslung geben, aber das ist leider die
Ausnahme anstatt die Regel. In Deutschland steigen diese Anforderungen von einem auf den anderen Tag enorm: nicht auf die Couch, kein Essen klauen, nur draußen lösen, an der Leine mitgehen und das im Tempo der Menschen. Das ist eine gewaltige Umstellung, die verständlicherweise Zeit braucht. Was hier hilft: Verständnis, Geduld und ein ruhiges, sicheres Auftreten der Pflegestellen – kein Druck, kein Zwang.

Die Einschätzung vor Ort

Eine differenzierte Einschätzung zu machen, wie ein Hund aus Rumänien oder Griechenland auf neue Situationen reagiert, wäre wünschenswert – ist im Shelteralltag aber kaum möglich. Die vorhandene Arbeitszeit wird von der Versorgung der Tiere, Tierarztfahrten und organisatorischen Aufgaben vollständig aufgebraucht. Manchmal bleibt kaum Zeit für Streicheleinheiten, geschweige denn für aussagekräftige Verhaltenstests in neuen Situationen.

Die Einschätzungen beruhen daher auf dem täglichen Erleben der Tierschützerinnen und unseres ehrenamtlichen Teams, den Interaktionen mit anderen Hunden und dem Verhalten gegenüber Menschen, die sie im Zwinger besuchen oder sie für kurze Ausflüge nach draußen bringen. Bei unseren Besuchen versuchen wir alle Hunde bestmöglich einzuschätzen. Das bietet oft ausreichend Anhaltspunkte, aber eben kein vollständiges Bild. Denn Hunde sind Lebewesen, deren Verhalten von ihrer Umgebung beeinflusst wird. Ändert sich die Umgebung stark, kann sich auch das Verhalten ändern.

Warum Pflegestellen so wichtig sind

Deshalb ist es so wichtig, sich ehrlich zu fragen: Bin ich bereit, mit einem Hund umzugehen, der sich vielleicht anders verhält als erwartet? Gerade wer einen Tierschutzhund adoptieren möchte, sollte sich diese Frage stellen.

Bei That’s Pets Rescue e.V. vermitteln wir unsere Hunde ausschließlich über Pflegestellen – und das hat einen guten Grund. Eine Pflegestelle gibt uns die Möglichkeit, unsere Schützlinge in einem echten Zuhause in Deutschland kennenzulernen: Wie verhält sich der Hund im Alltag? In welchem Umfeld fühlt er sich wohl? Welche Familie passt wirklich zu ihm?

Wer als Pflegestelle für einen Hund aus dem Ausland Verantwortung übernimmt, leistet damit einen der wertvollsten Beiträge, den man im Tierschutz leisten kann und ermöglicht eine Vermittlung, die wirklich zum Hund passt.

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